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Helene Schoettle

Ein Portrait über die "schwäbische
Mutter Theresa"

hsKaiserreich, Erster Weltkrieg, die Revolution 1918, Weimarer Republik und Massenarbeitslosigkeit, Nazidiktatur, Emigration, Zweiter Weltkrieg und fast 50 Jahre Bundesrepublik - eine Frau aus Stuttgart erlebte Zeitgeschichte.

Am 19. April 1903 wurde Helene Osswald in Stuttgart-Münster geboren, wo sie auch aufwuchs. Als 14-Jährige begann sie, in einer Fabrik zu arbeiten und absolvierte nebenbei die Handelsschule. 1919 trat sie der damaligen Jugendorganisation der SPD bei.

1925 folge die Heirat mit Erwin Schoettle, der gelernter Schriftsetzer war und damals als Redakteur der "Schwäbischen Tagwacht" arbeitete. Drei Jahre später kam die einzige Tochter Doris auf die Welt, die noch vor Helene Schoettle starb.

Das starke soziale Engagement des Ehepaars führten zu Kontroversen mit dem NS-Regime. 1933 emigrierten Erwin und Helene Schoettle nach St. Gallen in der Schweiz, kurz vor Kriegsausbruch 1939 siedelten sie nach England über.

Erst 1946 kehrten die Schoettles in die Heimat zurück. Im schwäbischen Stuttgart, an dem ihr Herz hing, widmete sich Helene Schoettle dem Aufbau bedeutender Sozialbauwerke; so schuf sie das Pestalozzi-Heim der Arbeiterwohlfahrt in der Olgastraße und das Altenheim am Pfostenwäldle. Unmittelbar nach dem Krieg etablierte sie 123 Nähstuben als Hilfe zur Selbsthilfe. Lange Jahre pflegte sie ehrenamtliche Tätigkeiten in zahlreichen Organisationen der freien Wohlfahrtspflege und im Gemeinderat der Stadt Stuttgart, dem sie von 1951 bis 1975 angehörte - fast ein Vierteljahrhundert.

Helene Schoettles Hauptinteresse galt vor allem den älteren Menschen und den Behinderten. Ihre humanitäre Grundhaltung kam etwa auch ab 1960 zum Ausdruck, als sie Mitbegründerin des Vereins und Elternverbands "Lebenshilfe für geistig Behinderte" wurde und in dessen Vorstand sie jahrelang aktiv war. Auch im Gemeinderat war ihre Arbeit von massivem Zuspruch der Bevölkerung gekrönt; drei Mal erzielte sie die höchsten Stimmenzahlen aller Zeiten. "Zur Politik hat mr mich nie zwinga müsse, des war für mich selbstverständlich", sagte die "schwäbische Mutter Theresa" in einem Zeitungsinterview anlässlich ihres 85. Geburtstags. 1983 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse; ihr Mann Erwin, ein Weggefährte Kurt Schumachers, der es bis zum Bundestags-Vizepräsidenten und zum Stuttgarter Ehrenbürger brachte, starb, wie die Tochter, ebenfalls früh im Jahr 1976.

In bester Mundart gab sie zeitlebens knorrige Sprüche von sich. Etwa: "Solche Not kennt die heutig' Jugend gar net, derra fliegt älles zu, dui muss für nix kämpfa." Oder: "Vielleicht müßt' in dr Schul' schon a bissle mehr für die politische Bildung do werda."

Zu ihrem 90. Geburtstag gab es eine Feierstunde im Rathaus - der damalige Oberbürgermeister Manfred Rommel betonte: "Die Stadt schuldet Dank - Sie haben sich in außergewöhnlichem Maße engagiert!"

Am 24. August 1994 starb die Politikerin. Auf dem Waldfriedhof wurde die große alte Dame der Stuttgarter Sozialdemokratie beigesetzt. Und wieder sprach Oberbürgermeister Rommel: "Helene Schoettle war eine Persönlichkeit mit Format. Sie besaß das, wonach Politiker sich oft vergebens sehnen: Glaubwürdigkeit."

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